Was ist anders beim Abschied von Kindern?

Von Bärbel Romey

Für Eltern ist der Tod ihres Kindes die schmerzlichste Erfahrung überhaupt. Bei der Beisetzung eines Kindes helfen persönliche, individuelle, einzigartige Zeichen und Gesten bei dem schmerzvollen Abschied. Cordula Caspary gibt einen Einblick in ihre Erfahrungen bei der Begleitung von Familien.

 

„Bei guter Begleitung kann Heilung entstehen“

Dass Trauerbegleitung Menschen hilft, nach vorne zu schauen, erlebt Cordula Caspary immer wieder. Die Kulturwissenschaftlerin und Bestatterin weiß: „Bei guter Begleitung kann Heilung entstehen. Ein bewusst gelebter Abschied mit allen Sinnen kann helfen, wieder ins Leben zu finden.“

So wie jeder Mensch anders ist, so gestalte sich auch jeder Abschied anders. „Sterben von Kindern ist eine schmerzhafte Erfahrung“, sagt Cordula Caspary, (Bild) sie begleitet seit fast 20 Jahren Familien und Angehörige in Bremen und im Umland. Intensiv beschäftigt sich die Kulturwissenschaftlerin mit der Beerdigungs-und Trauerkultur, zum Beispiel mit geänderten und neuen Formen des Abschieds, mit Ritualen bei der Trauerarbeit und mit dem Abschied im Zusammenhang mit Migration und unterschiedlichen Kulturen.

Sie rät, bei ihren Trauergesprächen neben der Familie, möglichst den Freundeskreis, die Mitschüler und das soziale Umfeld mit einzubeziehen. Denn bei dem Verlust eines Kindes seien persönliche, individuelle, einzigartige Zeichen und Gesten besonders wichtig. „Bei einer Bestattung geht es immer um beides: Auf jene Weise Abschied zu nehmen, wie es für die Angehörigen gut und heilsam ist, aber auch richtig und stimmig für den Menschen sein muss, der gestorben ist.“

 


 

Wenn nichts mehr trägt: Was kann trauernden Eltern helfen?
Trauer nach Tod des Kindes 
         

Es ist der absolute Ausnahmezustand: Das eigene Kind ist tot. Eltern sind in diesem Moment auf sich selbst zurückgeworfen, jeder Halt bricht weg. Ein Interview über die unterschiedlichen Wege, wie sie mit der Trauer umgehen können.
Das Buch, das Silia Wiebe und Silke Baumgarten geschrieben haben, hätten sie sich selbst gewünscht. Beide haben Kinder in unterschiedlichen Phasen ihres Lebens verloren.
In ihrem Buch haben sie mit Eltern gesprochen, deren Kind ebenfalls gestorben ist. Die Interviews zeichnen die individuellen Wege auf, mit der Trauer umzugehen. Ein Gespräch mit Autorin Silke Baumgarten darüber, was Eltern in dieser schweren Zeit brauchen und was Außenstehende für sie tun können.
Frage: Gab es in den Gesprächen mit den Eltern etwas, das immer wiederkehrend genannt wurde, weil es im Trauerprozess geholfen hat?
Antwort: Tatsächlich ist das, was den Eltern hilft, sehr unterschiedlich. Aber alle empfinden es als wohltuend, wenn über ihr verstorbenes Kind gesprochen wird. Einfach, dass sie erzählen können und ihnen geduldig zugehört wird. Aber auch, dass Freunde und Verwandte schildern, was sie mit dem Kind erlebt haben, wie sie es wahrgenommen haben, was sie besonders an ihm liebten - all das ist Trost für trauernde Eltern.
Frage: Gab es Dinge, die Sie beide überrascht haben bei der Recherche?
Antwort: Ja. Wir wussten zwar vorher: Trauer hat viele Gesichter. Aber uns hat dann doch überrascht, wie viele verschiedene Wege die Eltern gegangen sind, um mit der Trauer zu leben und um wieder ins Leben zurück zu finden. Da gibt es die Mutter, die sofort wieder arbeiten ging, weil sie eine feste Struktur brauchte und sagte: «Sonst wäre ich verrückt geworden.» Da gibt es den Vater, der sich erstmal zurückgezogen hat, weil ihm der Trubel und die Geschäftigkeit absurd vorkamen.
Eine Mutter machte gleich nach dem Tod ihres Sohnes eine Clownausbildung, eine andere kämpfte jahrelang für eine Ampel an der Stelle, an der ihr Kind tödlich verunglückte. Durch all diese Schilderungen bin ich zu der Überzeugung gelangt: Es gibt wohl kein Gefühl, das individueller ist als Trauer. Und wer den Mut hat, sich nicht mit anderen zu vergleichen, sondern auf seine ganz eigene Art trauert, der findet den richtigen Weg. Wobei Trauer nie ganz verschwindet, auch das erzählen alle Eltern. Der Schmerz bleibt. Er verändert sich nur.
Frage: Wie können Angehörige und Freunde helfen?
Antwort: Weil Trauer so ein ausgesprochen individuelles Gefühl ist, gibt es keine Liste, die man abarbeiten kann. Aber was allen hilft, ist das, was ich vorhin schon angedeutet habe: zuhören, mitfühlen, da sein. Immer wieder. Selbstlos und geduldig. Das ist das Wichtigste. Und zwar nicht nur in den ersten Wochen. Sondern auch noch am ersten Todestag – und am besten noch an allen weiteren Todestagen.                   
Frage: Mit dem Partner gemeinsam trauern: Wie kann das funktionieren? Kann man sich überhaupt gegenseitig helfen, wenn das Kind stirbt?
Antwort: Die Trauer um ein Kind gemeinsam auszuhalten, ist schwer. Das zehrt an der Partnerschaft, einige Paare erzählen davon in unserem Buch. Manche hat dieser Schicksalsschlag auch auseinandergerissen. Ich habe aus den Gesprächen mitgenommen, dass in der Trauer um ein Kind all das gilt, was auch sonst für eine funktionierende Partnerschaften gilt. Nur braucht man von allem eine viel größere Portion. Um es mit einem schlichten Beispiel zu erklären: Der eine kann nur noch Mozart hören - der andere nur Musik von Queen aushalten. Da gibt es kein Richtig und kein Falsch, und keinen Kompromiss.
Das Einzige, was hilft, ist Respekt. Und notfalls der erforderliche Abstand, damit keiner von der Musik des anderen gestört wird – um in dem Bild zu bleiben. Und gleichzeitig sollten die Paare auch die Nähe zueinander suchen und reden, reden, reden. Auch über das, was man vielleicht kaum zu denken wagt. Bloß nicht schweigen. Sich nicht zurückziehen und denken: Das kann ich dem anderen nicht zumuten. Denn auch das Unausgesprochene wirkt.

Von Julia Kirchner

 


 

Individuelle Ausdrucksformen wählen

Die Bestatterin erinnert sich an individuelle Abschiede: Für ein fünfjähriges Mädchen wählten die Eltern einen kleinen weißen Sarg, der das Schweben wie auf einer Wolke symbolisierte. Eine Mutter ließ sich aus der Asche eines verstorbenen Babys einen Diamanten pressen Bei einem anderen Abschied wurde ein großer Regenbogen über dem Altar aus vielen bunten Luftballons gestaltet, die Kinder dann am Grab fliegen ließen. Beim Abschied eines Jungen, einem leidenschaftlichen Fußballfan, lagen viele Fußbälle im Altarraum. Bei einer anderen Bestattung verteilten die Anwesenden Sonnenblumenkerne auf dem Grab und einen Teil später in der Natur. Die Idee dabei war, später bei Sonnenblumen in der Natur oder im Garten an das Kind zu denken.

„Fast alles ist möglich“, sagte die Bestatterin: Bestattungen auf dem Friedhof, mit kirchlicher Begleitung oder ohne, Feuerbestattung, christlich oder konventionell, es müsse, insbesondere bei unterschiedlichen Kulturen der richtige Weg gefunden werden. „Wichtig ist es, alle Beteiligten mit einzubeziehen, zum Beispiel die besten Freunde des Kindes, und zu klären, was hätte das Kind gewollt und was hätte es nicht gewollt.“

Autor: Bärbel Romey
Die ersten Schritte im Todesfall
Die ersten Schritte im Todesfall

Gerade, wenn ein Angehöriger plötzlich stirbt, wirkt der Todesfall wie ein Schock. Viele Hinterbliebene wissen dann oft nicht, welche ersten...

mehr
Der richtige Bestatter
Der richtige Bestatter

Den richtigen Bestatter zu finden kann schwierig sein. Dabei kommt es gerade jetzt darauf an, dass Sie den richtigen Berater an Ihrer Seite ...

mehr
Aktuelle Termine
Aktuelle Termine

Aktuelle Termine finden Sie hier

mehr
Der Naturfriedhof
Der Naturfriedhof

Auf einem Naturfriedhof wird die Asche eines Verstorbenen im Wurzelwerks eines Baumes oder auf einer Wiese beigesetzt.

mehr
Mehr aus Abschied von Kindern