Mit den Angehörigen über den Tod sprechen

„Wir sind den Tod nicht mehr gewohnt“, sagt Pastorin Anja Kramer, „weil die Menschen heute überwiegend im Krankenhaus oder im Altenheim sterben.“ Das Sterben, die Endlichkeit des Lebens sei zum Tabuthema geworden, vor dem Eltern ihre Kinder schützen wollten und mit dem auch Erwachsene nicht mehr selbstverständlich umgehen könnten. Dabei könne ein natürlicher Umgang hilfreich sein – sowohl für die Angehörigen als auch für die Sterbenden, weiß die Seelsorgerin. „Vielen älteren Menschen verschafft es ein beruhigendes Gefühl zu wissen, dass sie wesentliche Dinge geregelt haben.“ Dazu gehöre mehr als nur das Testament oder die Patientenverfügung. Oft ist es ein klärendes Gespräch nach einem Streit, der schon lange schwelt, oder auch nur die Frage nach der Art der Bestattung. Wer hier glaubt, im Sinne des anderen zu handeln, ohne darüber zu reden, sorgt nicht selten für Missverständnisse: Da möchte die Tochter vielleicht gern ein Grab haben, an dem sie nach dem Tod der Mutter an sie denken kann, während die Mutter bisher auf einer Feuerbestattung bestanden hat – allerdings nur, um der Tochter die Grabpflege zu ersparen. Im Gespräch schließlich stellt sich heraus, dass ihre Vorstellung völlig übereinstimmen.

Auch beim Verfassen der Patientenverfügung rät Anja Kramer, Pastorin der Oldenburger Martin-Luther-Kirche, dazu, Details mit den Angehörigen zu klären. „Wenn meine Familie weiß, was ich mir wirklich vorgestellt und gedacht habe, kann sie auch in jenen Grauzonen, die vielleicht in der Patientenverfügung nicht geregelt sind, in meinem Sinne entscheiden.“ Viele Menschen müssten lernen loszulassen, den nahenden Tod zu akzeptieren. „Wir brauchen eine neue Kultur des Sterbens“, ist Anja Kramer überzeugt. Nicht alles medizinisch Mögliche zu tun, um einen alten Menschen noch am Leben zu erhalten, sondern ihn im Sterbeprozess zu begleiten, ist eine Denkweise, die sich seit einigen Jahren durchsetzt – bei Angehörigen, aber auch beim Personal in Kliniken und Altenheimen.

Auch der Abschied in Ruhe gehört zu dieser Kultur des Sterbens. Viele Angehörige werden überrollt von organisatorischen Dingen – Todesanzeigen schalten, die Bestattung vorbereiten, den Grabstein auswählen: Was zunächst heilsam wirken mag, weil es von der Trauer ablenkt, kann sich im Nachhinein als Bumerang erweisen. „Die erste Zeit nach dem Tod ist oft entscheidend dafür, wie Trauerarbeit gelingt“, weiß Anja Kramer. „Wer sich Zeit nimmt, sich in Ruhe zu verabschieden, verarbeitet den Tod eines nahen Menschen ganz anders.“ Was viele nicht wissen: Bis zu 48 Stunden darf ein Verstorbener zu Hause bleiben. Und auch in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen ist der ruhige Abschied möglich. Von dem Gedanken, den Verstorbenen so in Erinnerung zu behalten, wie er war, hält sie nicht viel. „Es hilft, den Toten noch einmal zu sehen.“

War der Tod erwartbar, ist vieles oft im Voraus geregelt. Auch der Kontakt mit einer Pastorin oder einem Pastor ist dann häufig bereits gegeben. „Wir sind regelmäßig in Altenheimen und Krankenhäusern vor Ort. Ich merke, wie wichtig das ist, denn so ist es für Sterbende und ihre Angehörigen selbstverständlicher und einfacher, mit uns in Kontakt zu treten.“ Beim plötzlichen Tod eines Angehörigen treffen Trauer und Schock die Familie dagegen mit voller Wucht. Wer hier geistlichen Beistand sucht, kann rund um die Uhr die Notfallseelsorge in Anspruch nehmen. „Die Rettungskräfte eines Notarztwagens beispielsweise haben immer die Telefonnummer parat“, betont Anja Kramer. Niemand solle sich scheuen, um einen Besuch der Seelsorge zu bitten. „Wir kommen gern.“ Wie bringen Eltern ihren Kindern bei, dass Opa gestorben ist? „Offen sein“, rät die Pastorin. „Sich nicht hinter Formulierungen wie ‚Der Opa schläft nur‘ verstecken. Kinder können erstaunlich gut damit umgehen. Sie stellen Fragen, doch die Erwachsenen müssen nicht auf alles eine Antwort haben. Auch sie dürfen ihre Fragen den Kindern gegenüber formulieren und gemeinsam überlegen, wie man nun weiter vorgeht. Vielleicht möchte das Enkelkind die Lieblingssachen des Großvaters heraussuchen, um ihn darin bestatten zu lassen, oder einen Brief an ihn schreiben. Solche Rituale können auch den Erwachsenen helfen, bewusst Abschied zu nehmen.“ Auch dabei können die Pastorinnen und Pastoren und die Mitarbeitenden des Bestattungsinstitutes helfen. „Sprechen Sie Ihre Hilflosigkeit an – schließlich ist dies ein Ausnahmezustand für Sie“, sagt Anja Kramer.