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Gedenkkerze
Brigitte
Liebstes Bruderherz,
heute vor siebenundsiebzig Jahren war es, als unsere lieben Eltern den heiligen Bund der Ehe eingingen. Auf dem Standesamt, dann religiös besiegelt in kirchlicher Trauung. „Bis dass der Tod euch scheidet“ – dieses Versprechen der Unauflöslichkeit ihres Bundes haben unsere Eltern unverbrüchlich gelebt. Damit gaben sie Dir und mir etwas Wichtiges mit auf unsere Lebenswege. Wir durften stolz sein auf unsere Eltern.
Was haben Du und ich im Laufe unser beider Wege im Leben, die sich vollkommen unterschiedlich gestalteten, hinsichtlich so tiefgehender und umfassender Versprechen allgemein wahrgenommen, selbst erfahren, und insbesondere selbst erlebt? Wieweit fanden wir darin die uns von unseren Eltern vorgelebten Werte verwirklicht, die – bewusst wie unbewusst – unsere Sensibilität für, unser Verständnis von, und unser Vertrauen in Paarbeziehungen zwischen Mann und Frau geprägt hatten? Inwieweit spielten im Verlauf der Zeit sich verändernde Werte im gesellschaftlichen und sozialen Leben, innerhalb unseres Landes und über dessen Grenzen hinaus, in unsere persönlichen Lebensbereiche und Erfahrungen hinein?
Hat es sich nicht erwiesen, dass es letztlich immer wieder die Eigenschaften eines reinen, geraden und aufrichtigen Herzens sind, also Wahrheit und Aufrichtigkeit, die von grundlegender Bedeutung sind in Verbindungen zwischen Menschen? Und unabdingbar bei Versprechen der Unauflöslichkeit des Bundes bei einer Eheschließung?
Du hättest viel dazu zu sagen!
Bitte sei im tiefen Frieden und im ewigen Licht, gemeinsam mit unseren lieben Eltern.
Inniglich, Deine Schwester.
Gedenkkerze
Brigitte
Liebstes Bruderherz,
am Tag der Trauerfeier zu Deinem ehrenden Gedenken mit dem darauffolgenden Beisetzen Deiner Urne auf dem nicht so weit von Deinem eigenen Haus gelegenen Friedhof Deines letzten vieljährigen Lebensortes schien strahlend die Sonne vom zartblauen Himmel. Das war am 14. Februar, dem Valentinstag heute vor sieben Jahren. Ein Tag, der dem Ausdruck von Liebe und Zuneigung gewidmet ist. Doch verhüllte sich heimlich in diesem von der Sonne durchstrahlten offiziellen Abschied von Dir ein tiefer Schatten, der erst am nächsten Morgen sichtbar wurde, als sich offenbarte, dass bereits geraume Zeit vor der Dich ehrenden Trauerfeier eine bestimmte Handlung vorbereitet worden war, die unmittelbar am Tag danach durchgeführt wurde. Mein liebes Bruderherz, wie schwer war mir das Herz vor Entsetzen, Charaktere sich in ihrer tatsächlichen Motivation enthüllen zu sehen. Menschen, denen Du vertraut hattest. Ausdruck von wirklicher Liebe und Herzenswärme waren mir hier nicht spürbar.
Oder wären diese Handlungen so unmittelbar nach der Dich ehrenden Trauerfeier etwa in Deinem Sinn gewesen wären?
Mögest Deine Seele vollkommen befreit sein, im tiefen Frieden und im ewigen Licht ruhen!
Inniglich, Deine Schwester.
Gedenkkerze
Brigitte
Liebstes Bruderherz,
neulich las ich in einem Buch über eine sehr verfeinerte Kultur in Fernost in einem Abschnitt, der sich auf die „Ethik der Gabe“ bezog, unter anderem folgende zum Nachdenken anregende Sätze: „Vorstellungen vom menschlichen Leben, wo es herkommt, welchem Zweck – wenn überhaupt einem – es dient, wohin es führt, gehören zum geistigen Kern einer Kultur. Einer traditionellen, insbesondere im Konfuzianismus wurzelnden Auffassung zufolge ist das Leben eine Gabe, und zwar eine solche, die ein jeder in seiner körperlichen Gestalt von seinen Eltern empfangen hat. … Die Beziehung der Kinder zu ihren Eltern beinhaltet eine nicht rückzahlbare Schuld. Zu den Implikationen dieser Vorstellung gehört es, dass man nicht das Recht hat, leichtfertig mit diesen wichtigsten aller Gaben umzugehen. Den von den Eltern erhaltenen Körper darf man nicht mutwillig verletzen … „
Wie würdest Du aus Deiner persönlichen Perspektive sowie aus der unserer eigenen Kultur über diese Vorstellungen gedacht haben? Wieweit würdest Du die dieses fernöstlichen Landes und seiner spezifischen Kultur geteilt haben? Wie warst Du selbst mit dieser von unseren Eltern empfangenen Gabe umgegangen?
Würde sich Dir vielleicht auch die Frage gestellt haben, wie weitreichende Folgen eine Vorstellung von dem als Gabe empfangenen Körper für eine Definition von Leben und Tod haben kann und hat?
Welche Gedanken würden Dir da im Rückblick auf Dein eigenes Leben gekommen sein?
Für die Auffassung, dass die Beziehung der Kinder zu ihren Eltern eine nicht rückzahlbare Schuld beinhaltet, würdest Du nach meinen Beobachtungen und meinen Erfahrungen mit Dir während einer früheren Phase Deines Lebens in gewissem Sinne eventuell empfänglich gewesen sein. Mit Gewissheit aber nicht während der letzten zwanzig bis dreißig Jahre Deines Erdendaseins. Trotz Deiner innigen Verbindungen mit unseren lieben Eltern, dabei ganz besonders warmherzig mit Mutti.
Heute sind es sieben Jahre, seit Du ungewollt doch urplötzlich Deinen Körper zurücklassen musstest. Nur noch wenige Stunden hatten Dich davon getrennt, von Deinem so heiß ersehnten Anteil der ‚materiellen Umarmung‘ unserer lieben Eltern für ihre beiden Kinder ein Erstes in Deinen Händen zu halten, als Du unerwartet über die Schwelle der Zeit in die Ewigkeit gehoben wurdest, und darin Deiner Freude und Deines Genusses dieser ‚Umarmung‘ beraubt.
War das, von dieser Art der Gabe unserer Eltern an ihre Kinder nun zu erhalten, für Dich innerlich zu spannungsvoll und zu aufregend gewesen?
Diverse Szenen vier Tage vor Deinem Tod bei einem Zusammentreffen an bestimmtem Ort aus wichtigem, erforderlichen Anlass sind unauslöschlich in mich eingraviert. Deine falschen Behauptungen und haltlosen Unterstellungen gegen mich waren Angriffe auf meine Integrität. Gezielt, absichtsvoll? Vor dritten und vierten Anwesenden. Es verschlug mir vor innerer Empörung die Sprache. Vergessen ist das nicht. Ist es verziehen?
Du, nicht nur Du, musstest gewusst haben, wie weh mir mit den Phantasien entspringenden grundlosen Unterstellungen und nichtzutreffenden Behauptungen getan wurde. Wie sehr mich das verletzte. Das war nicht erst geschehen, seit ich das Pflegen unserer lieben Mutter übernommen hatte, und von da an wiederholte es sich in Intervallen während des gesamten Pflegezeitraumes. Teilweise geschah das, nicht nur von Dir, hinter meinem Rücken, was mir dann als Informationen zugetragen wurde.
Kurz vor Deinem Tod waren Deine Emotionen in extrem hohem Maße aufgewühlt gewesen. Du wirktest auf mich wie unter Starkstrom stehend und wie nicht zu bändigen. Warum aber warst Du dennoch angestachelt worden, statt beruhigt zu werden?
Du warst mein Bruder, mir in meinem Innern immer eng verbunden und wichtig, mein liebes Brüderchen, für das ich Sorge und Verantwortung fühlte, dem niemand etwas zuleide tun durfte. Dieses innere Band löst auch der Tod nicht.
Es tut mir unendlich leid, dass Dein Leben in unserer Menschenwelt genau an der Stelle endete, als Dein langgehegter Traum und eine Erwartung im Begriff waren, wahr zu werden. Und Du Pläne für einen neuen Abschnitt schmiedetest.
Aber Du bist nun uns allen voraus, denn Du hast den Übergang gemeistert, und bist in der Lage, das Leben anhand der Ewigkeit zu messen! Und Du würdest wohl auf die „Vorstellungen vom menschlichen Leben, wo es herkommt, welchem Zweck – wenn überhaupt einem – es dient, wohin es führt“, nun Antwort zu geben vermögen ...
Bitte sei im tiefen Frieden, liebes Bruderherz, und im ewigen Licht, gemeinsam mit unserem lieben Vater und unserer lieben Mutter.
Inniglich, Deine Schwester.
Gedenkkerze
Brigitte
Liebstes Bruderherz,
es erscheint unglaublich, dass es heute am späten Mittag sechzehn Jahre sind, seit unser lieber Papa seiner schweren Erkrankung erlegen ist. Und immer noch hat die Frage, warum unser lieber Vater trotz seiner sorgsamen, bedachtsamen, gesunden Ernährungsweise, die er gemeinsam mit unserer lieben Mutter pflegte, überhaupt an diesem fatalen Krebs erkranken konnte, in mir keine erklärende Antwort gefunden. Gewiss war aber, dass unser lieber Vater sich tiefe Gedanken um die Zukunft seines zusammen mit unserer lieben Mutter geschaffenen Lebenswerkes machte: das Haus und den großen Garten. Gerade aus der Geschichte seiner Familie während und nach dem Zweiten Weltkrieg mit den schweren Verlusten durch Vertreibung und Flucht, und der damit engstens verknüpften Entstehungsgeschichte seines eigenen Lebenswerks, wird dessen Bedeutung für Vater und Mutter, ganz besonders aber für Vater, mehr als deutlich! Vater machte sich große Sorgen. Wie sehr liebte Papa doch unser Domizil und Refugium. Ein geschützter und liebevoll gehegter Ort in der Welt für uns Vier als kleine Familie, für dessen Entstehen, Entwicklung, Pflege und Instandhaltung Vater mit Mutter enorme Anstrengungen unternommen hatte. Und nachdem Du und ich flügge geworden waren und unsere Verpflichtungen uns an andere Orte trugen, war es für Dich wie für mich stets der garantierte und sichere Hafen, unser Elternhaus.
Was waren Deine vorherrschenden Gedanken gewesen, nachdem unser lieber Vater gestorben war? Mich verschiedener bestimmter Fragen von Dir, auch an mich, sowie einiger Deiner Bemerkungen und Äußerungen erinnernd, könnte es sein, dass mir die Richtung Deines Denkens nicht so unbekannt war. Wie sich bald und in den folgenden Jahren verstärkt zeigte, waren unsere Denkweisen und Haltungen im Kontrast zueinander – Dein, von dritter Seite unterstützter, Kompromissen nicht zugänglichem Drang nach Veräußern des elterlichen Lebenswerks, mein Wille zu dessen Bewahren.
Nagten an Vater Zweifel an der Ernsthaftigkeit, der Wahrhaftigkeit Deines ihm gegebenen Versprechens, nach dem Ableben unserer Eltern ihr Lebenswerk zu übernehmen und Haus und Garten verantwortungsvoll weiterzuführen? Was hatte Vater, dieser feinsinnige, noble Mann, gespürt und wahrgenommen? Warum eigentlich war Vaters Seele vor dem Ausbruch seiner schweren Erkrankung über längeren Zeitraum von solcher Traurigkeit und Schwere belastet?
Du warst, wenn auch nicht erstgeboren, Vaters Sohn, sein einziger Sohn, und als solcher sein Stammhalter, Träger seines Namens, der im Sinne der Tradition dazu ausersehen war, für die Kontinuität des Namens zu sorgen, die Familiengeschichte, und das Erbe des Haus- und Grundbesitzes weiterzuführen. Vaters Fühlen und Denken, seine gesamte Sichtweise und Einstellung, waren fest verwurzelt in den klassischen Werten dieser Tradition. Vater war ein sehr stolzer Mann, und er war stolz auf das was er gemeinsam mit Mutter geschaffen hatte, und stolz darauf, seinen Haus- und Grundbesitz an seinen Sohn vererben, weiterreichen zu können, das zu tun. Aus bestimmten, wenn auch diskret formulierten Äußerungen, die Papa einige Wochen vor seinem Tod zu mir machte, war erkennbar, was Vater betrübte. In seiner Stimme schwangen Besorgnis, Enttäuschung und unterdrückte Wut.
Und auch unsere liebe Mutter ging nehr oder weniger neun Jahre nach unseres lieben Vaters Ableben bis zu ihrem Tod niemals davon aus, dass ihr Lebenswerk nicht in den Händen der Familie bleiben würde. Wie sehr tut mir das in der Seele weh, dass sich die Vorstellungen und Wünsche unserer lieben Eltern letztlich nicht erfüllen durften.
Bitte sei im ewigen Frieden, gemeinsam mit unserem lieben Vater und unserer lieben Mutter.
Inniglich, Deine Schwester.
Gedenkkerze
Brigitte
Liebstes Bruderherz,
„Ich bin der, den ich liebe, und der, den ich liebe, ist ich.“ (Al-Halladsch)
Würdest Du sie nicht wunderschön gefunden haben, diese Aussage? Was würde in Dir beim Lesen dieses Satzes angeklungen sein? Würde Dein Herz berührt gewesen sein? Mit welcher Art von Resonanz?
Welche Bedeutung würdest Du dem Satz entnommen haben? Ist es nicht, einfach gesagt, dass es darum geht, die eigene innere Göttlichkeit und das Wahre Selbst zu erkennen und zu lieben, anstatt sich auf äußere Personen oder Dinge zu fixieren?
Es sollte nicht unerwähnt sein, dass Al-Halladsch, wie zu lesen ist, ein persischer Sufi-Mystiker im 9./10. Jahrhundert gewesen war, bekannt für seine radikalen Aussagen der Einheitserfahrung. Obwohl seine Aussagen eine tiefe spirituelle Wahrheit ausdrückten, wurden sie als Blasphemie missverstanden. Dafür wurde er hingerichtet.
Bitte sei im tiefen Frieden und im ewigen Licht.
Inniglich, Deine Schwester.