Milan Kundera

* 01.04.1929 in Brünn
† 11.07.2023 in Paris

Angelegt am 12.07.2023
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Über den Trauerfall (1)

Hier finden Sie ganz besondere Erinnerungen an Milan Kundera, wie z.B. Bilder von schönen Momenten, die Trauerrede oder die Lebensgeschichte.

Milan Kundera

13.07.2023 um 10:13 Uhr von Redaktion

Bekannt wurde er durch die Anthologie Das Buch der lächerlichen Liebe (1969). Den kommerziell größten Erfolg feierte er mit dem Roman Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins (1984). Ab 1984 schrieb Kundera in französischer Sprache. Er lehrte Literatur an der ecole des hautes etudes en sciences sociales (EHESS) in Paris.

Leben und Werk
Tschechoslowakei
Milan Kundera wuchs in einer bürgerlichen Familie im mährischen Brünn auf. Sein Vater Ludvik Kundera, ein Schüler Leos Janaceks, war Pianist, Musikwissenschaftler und von 1948 bis 1961 Rektor der Musikhochschule in Brünn. Der tschechische Dichter und Schriftsteller Ludvik Kundera war sein Cousin.

Vater Ludvik Kundera brachte seinem Sohn bereits früh das Klavierspielen bei. Musik zieht sich als Motiv und Strukturelement durch Milan Kunderas ganzes literarisches Werk.

Noch als Gymnasiast, 1945, übersetzte Milan Kundera ein Gedicht des russischen Dichters Wladimir Majakowski, das in der Zeitschrift Gong veröffentlicht wurde. Vermutlich unter dem Einfluss seines Cousins entstanden erste eigene lyrische Arbeiten; eine davon wurde 1946 in der Zeitschrift Mlade archy veröffentlicht.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war Kundera zunächst Arbeiter und Jazzmusiker. 1948 schloss er das Gymnasium ab, trat in die Kommunistische Partei ein und nahm an der Prager Karls-Universität ein Musik- und Literaturstudium auf. Nach zwei Trimestern wechselte er an die Filmakademie, wo er als Hauptfächer Regie und Drehbuch belegte. Um 1950 wurden er und ein weiterer Autor, Jan Trefulka, wegen "Machenschaften gegen die Partei" aus dieser ausgeschlossen und Kundera musste sein Studium für zwei Jahre unterbrechen. Nach der erneuten Aufnahme 1967 folgte 1970 der endgültige Ausschluss aus der Partei.

Nach seinem Studium wirkte Kundera als Dozent für Weltliteratur an der Filmfakultät der Akademie der musischen Künste in Prag und unterrichtete dort zahlreiche Vertreter der späteren Tschechoslowakischen Neuen Welle, darunter Milos Forman und Vera Chytilova. In seinem 1953 erschienenen Debüt-Gedichtband Der Mensch: Ein weiter Garten (Clovek zahrada sira) setzt er sich kritisch mit der auch in der Tschechoslowakei offiziellen Doktrin des Sozialistischen Realismus auseinander – allerdings aus einer überzeugten kommunistischen Grundperspektive heraus. Das Gedicht Letzter Mai (Posledni maj), das Kundera 1955 schrieb, ist eine durchgehend systemkonforme Hommage an den tschechischen Antifaschisten und Freiheitskämpfer Julius Fucik. Ein weiteres Grundmotiv Kunderas ist auch in diesem Werk präsent: die Kultur des mährischen Volkes wird als Symbol für nationale Werte und Patriotismus eingesetzt.

Im Gedichtband Monologe von 1957 entfernt sich Kundera von der Politik und legt einen Schwerpunkt auf die zwischenmenschlichen Beziehungen. Kundera war wie viele andere Künstler in den 1950er Jahren und zu Beginn der 60er angepasst; später beanspruchte er für sich das Recht, Werke aus dieser Zeit nicht mehr übersetzen oder publizieren zu lassen. Die 2020 erschienene Kundera-Biografie des Schriftstellers Jan Novak, die als Quellen Protokolle der Staatssicherheit verwendet und in Tschechien kontrovers diskutiert wurde, wirft ihm unter anderem vor, seine regimetreue Phase später verschwiegen zu haben.

Kundera publizierte für verschiedene Literaturzeitschriften, unter anderem Literarni noviny und Listy vielbeachtete Essays über Avantgarde-Poesie. Der vierte tschechische Schriftstellerkongress im Jahr 1967 stellte für Kundera, wie für die meisten seiner Generation, einen Wendepunkt im tschechischen Kulturleben und einen Meilenstein in der Entwicklung des Prager Frühlings dar.

Der Scherz und die ersten der später im Buch der lächerlichen Liebe veröffentlichten Geschichten (Smesne lasky, geschrieben ab 1958, erschienen 1963, 1965 und 1968) sind Ausdruck der wachsenden Kritik Kunderas an den Verhältnissen in der kommunistischen Tschechoslowakei. Hier, wie in vielen seiner folgenden Werke, beschreibt er den Konflikt zwischen dem Einzelnen und seinen privaten Wünschen und Hoffnungen einerseits und einem Regime, das sich in totalitärer Weise die Bekämpfung eben jener Individualität zum Ziel gesetzt hat. Nicht zuletzt sind diese Romane auch eine Auseinandersetzung mit Kunderas eigener Biographie; Der Scherz etwa ist inspiriert von Kunderas Ausschluss aus der kommunistischen Partei. Das Buch der lächerlichen Liebe wurde später von Kundera als sein erstes "erwachsenes" Werk bezeichnet. Indem er in den sieben Kurzgeschichten von zwischenmenschlichen Beziehungen erzählt, zeigt er zugleich die Fragwürdigkeit von Begriffen wie Wahrheit und Lüge, Glaubwürdigkeit und Täuschung auf.

Das Ende des Prager Frühlings nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen und der Beginn der "Normalisierung" bedeuteten auch das Ende der Presse- und Kulturfreiheit in der Tschechoslowakei. Kundera verlor seine Stelle an der Filmhochschule, seine Bücher wurden aus Bibliotheken entfernt und nicht mehr verlegt. In Das Leben ist anderswo (Zivot je jinde, 1969/1970) sowie Abschiedswalzer (Valcik na rozloucenou, 1970/1971) rechnet Kundera mit seiner kommunistischen Vergangenheit ab. Das Buch Abschiedswalzer, das zunächst den Titel Epilog trug, betrachtete er damals als seinen letzten Roman. Da er inzwischen zur Persona non grata im tschechischen Kulturleben geworden und an eine Veröffentlichung in seiner Heimat nicht zu denken war, entstanden beide Bücher ohne Rücksicht auf Zensur und Politik.

Frankreich

Im Jahr 1978 nahm Milan Kundera eine Dozentur an der Elite-Hochschule ecole des hautes etudes en sciences sociales in Paris an
1975 erhielt Kundera eine Einladung für einen Aufenthalt als Dozent an der Universität Rennes und ging daraufhin mit seiner Ehefrau Vera Hrabankova nach Frankreich, wo er bis zu seinem Tod lebte. 1978 zog er nach Paris und nahm eine Dozentur an der ecole des Hautes etudes en Sciences Sociales an. Das tschechoslowakische Regime hinderte ihn nicht daran.

Sein 1978 veröffentlichter Roman Das Buch vom Lachen und Vergessen (Kniha smichu a zapomneni), eine erneute kritische Auseinandersetzung mit dem Kommunismus sowie seiner eigenen kommunistischen Vergangenheit, führte zum Entzug seiner tschechoslowakischen Staatsbürgerschaft. Daraufhin nahm Kundera 1981 die französische Staatsbürgerschaft an. 2019 erhielt Kundera die tschechische Staatsbürgerschaft zurück, nachdem ihn 2018 der damalige Ministerpräsident Andrej Babis in Paris besucht hatte.

1984 kam der Roman heraus, der ihn international bekannt machte: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins (L Insoutenable Legerete de l etre). Auch dieser spielt in der kommunistischen Tschechoslowakei. Der 1990 entstandene Roman Die Unsterblichkeit (Nesmrtelnost) hat erstmals keine tschechischen Charaktere und Schauplätze; er spielt in Frankreich und wird als erster "französischer" Roman Kunderas angesehen. Dieser und der 1995 folgende Roman Die Langsamkeit (La lenteur), enthalten durchgängig Kritik an der westeuropäischen Zivilisation am Ende des 20. Jahrhunderts und prangern Künstlichkeit, Technokratie und Unmenschlichkeit an.

1983, während einer Hochphase des Kalten Kriegs, schrieb Kundera einen berühmt gewordenen Essay mit dem Titel Un occident kidnappe – die Tragödie Mitteleuropas. Kunderas zweiter in französischer Sprache geschriebener Roman Die Identität (L Identite, 1995, erschienen 1998) ist wie Die Langsamkeit ein Liebesroman, der den Wert der Liebe in einer feindseligen und primitiven modernen Welt heraushebt. Die dritte französische Arbeit ist der im Jahr 2000 entstandene Roman Die Unwissenheit (L ignorance). Seit 1991 ist Kundera Mitglied des Lektorenkollegiums des Verlags Gallimard in Paris, in dessen Reihe Bibliotheque de la Pleiade seine Werke erschienen.

Kundera lebte zusammen mit seiner Frau zurückgezogen in Paris und gab wenig von seinem Privatleben preis. Seit 1985 gab er ausschließlich schriftliche Interviews, weil er sich oftmals falsch zitiert fühlte. Auch Übersetzungen seiner Romane ließ er stets überprüfen und überarbeiten. Die französischen Romane liegen nicht auf Tschechisch vor. Seit 1986 war er auswärtiges Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Letters und seit 2002 der American Academy of Arts and Sciences.

Milan Kundera starb im Juli 2023 im Alter von 94 Jahren.

Kontroverse um angebliche Denunziation eines Antikommunisten 1950
Im Oktober 2008 legte der Historiker Adam Hradilek vom Institut für das Studium totalitärer Regime in der tschechischen Kulturzeitschrift Reflex Dokumente vor, die belegen sollen, dass der damals 20-jährige Kundera im Jahre 1950 den 22-jährigen antikommunistischen Aktivisten Miroslav Dvoracek bei der Polizei anzeigte. Dieser wurde damals zu 22 Jahren Gefängnis verurteilt, von denen er vierzehn Jahre als Zwangsarbeiter im Uranbergbau verbrachte.

Die Berichte lösten eine umfangreiche Debatte in den Feuilletons aus. Kundera sprach nach den Vorwürfen von einem "verdächtig perfekt vorbereiteten Attentat" und äußerte: "Ich bin völlig überrumpelt von etwas, das ich nicht erwartet habe, von dem ich noch gestern nicht einmal etwas wusste und das nicht passiert ist." In Bezug auf die Tatsache, dass das Protokoll nicht von ihm unterschrieben ist, sondern nur von einem Beamten der Geheimpolizei, äußerte Kundera: "Ob sich jemand anderes hinter meinem Namen versteckt hat, weiß ich nicht. "Später meldete sich der Literaturhistoriker Zdenek Pesat zu Wort und erklärte, dass jemand anders, nämlich Pesats damaliger Kollege Miroslav Dlask, Dvoracek an die Geheimpolizei verraten habe.

Ende Oktober 2009 berichtete die Zeitung Lidove noviny, dass die Echtheit des 2008 veröffentlichten Polizeiprotokolls aus dem Jahr 1950 bewiesen sei. Weiterhin unklar sei hingegen, ob Kundera selbst die Anzeige erstattet habe. Er selbst gab keine weitere Stellungnahme mehr ab. Für Andreas Breitenstein ist der Titel des späten Romans Das Fest der Bedeutungslosigkeit ein "trotzig-höhnischer Kommentar" zu dieser Affäre.

Preise und Ehrungen
Staatspreis der CSSR (1964)
Preis des Schriftstellerverbandes der CSSR (1968)
Prix Medicis für den besten ausländischen, in Frankreich publizierten Roman (Das Leben ist anderswo, 1973)
Premio letterario Mondello für Abschiedswalzer (1978)
Amerikanischer Common Wealth Award für das Gesamtwerk (1981)
Europäischer Literaturpreis (1982)
Doctor honoris causa der Universität Michigan, USA (1983)
Jerusalempreis für die Freiheit des Individuums in der Gesellschaft (1985)
Kritikerpreis der Academie française für Die Kunst des Romans (1987)
Nelly-Sachs-Preis (1987)
Österreichischer Staatspreis für europäische Literatur (1987)
Ritter der französischen Ehrenlegion (1990)
Erster Preis für ausländische Literatur der englischen Tageszeitung The Independent (1991)
Jaroslav-Seifert-Preis für Die Unsterblichkeit (1994)
Tschechische Verdienstmedaille (1995)
Herder-Preis der Universität Wien (2000)
Literaturpreis der Stadt Brno (Brünn) (2005)
Ladislav-Fuks-Preis der Akademie für tschechische Literatur (2006)
Staatspreis für Literatur der Tschechischen Republik (Verleihung am 28. Oktober 2007)
Prix mondial Cino Del Duca (2009)
Franz-Kafka-Preis (2020)
Eröffnung der Milan-Kundera-Bibliothek in Brno (2023)
Schriften (Auswahl)
Romane, Erzählungen
Das Buch der lächerlichen Liebe (Smesne lasky, erschienen in drei Teilveröffentlichungen 1963, 1965 und 1968; 1970 als Buch erschienen)
Der Scherz (Zert, 1965/67)
Das Leben ist anderswo (Zivot je jinde, 1969/70)
Abschiedswalzer (Valcik na rozloucenou, 1970/71). Gallimard, Paris 1976, La valse aux adieux. Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt am Main 1991, ISBN 3-518-38315-9.
Das Buch vom Lachen und Vergessen (Kniha smichu a zapomneni, 1978). Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt am Main 1978, ISBN 3-518-39037-6.
Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins (L Insoutenable Legerete de letre, 1984)
Die Unsterblichkeit (Nesmrtelnost, 1990)
Die Langsamkeit (La lenteur, 1995)
Die Identität (L Identite, 1995, erschienen 1998)
Die Unwissenheit (L ignorance, 2000)
Das Fest der Bedeutungslosigkeit (La Fete de l insignifiance, 2014). Carl Hanser, München 2015, ISBN 3-446-24763-7.
Gedichte
Der Mensch: Ein weiter Garten (clovek zahrada sira, 1953)
Monologe (Monologues, 1957)
Theater
Jacques und sein Herr: Hommage an Denis Diderot in drei Akten, dt. 2003 (Jakub a jeho pan: Pocta Denisu Diderotovi, 1981)
Essays
Un occident kidnappe, 1983 (deutsche Übersetzung 1984: Die Tragödie Mitteleuropas)
Die Kunst des Romans (Originaltitel L Art du Roman 1986, übersetzt von Brigitte Weidmann) Hanser, München 1987, ISBN 3-446-14858-2; neu übersetzt von Uli Aumüller 2007, ISBN 978-3-446-20926-8.
Verratene Vermächtnisse, 1994 (Les Testaments trahis, 1993)
Der Vorhang dt. 2005 (Le rideau, 2005)
Eine Begegnung (übersetzt von Uli Aumüller), Hanser, München 2011, ISBN 978-3-446-23555-7 (Milan Kundera: Der doppelte Geist des Jahres 1968 Über die beiden grossen Frühlinge und über die skvoreckys. NZZ vom 29. Januar 2011)
Das Tschechische Los. Der kritische Geist – Oder von großen und kleinen Völkern in der Welt. In: Lettre International, LI 80, Frühjahr 2008, S. 42–44. (zuerst in Literarni Listy 7-8 vom 19. Dezember 1968)
Irrtümer, Hoffnungen. Über echten Kritizismus, Radikalismus und moralischen Exhibitionismus. In: Lettre International, LI 80, Frühjahr 2008, S. 47–49 (zuerst in Host do Domu 15 vom 9. September 1969)
Verfilmungen
1965: Niemand wird lachen (Nikdo se nebude smat), Regie: Hynek Bocan
1969: Der Scherz (Zert), Regie: Jaromil Jires
1988: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins (The Unbearable Lightness of Being), Regie: Philip Kaufman
Dramatisierungen
2011: Ballett Identities von Wang Xinpeng nach Kunderas Roman L identite
Dokumentarfilm
Miloslav Smidmajer: Milan Kundera: From The Joke to Insignificance (Milan Kundera: Od Zertu k Bezvyznamnosti), Tschechische Republik, 2021, 95 Minuten
Biografien
Jan Novak: Kundera: Cesky Zivot a doba (Kundera: Ein tschechisches Leben und seine Zeit). [s. l.]: Argo Paseka, Prag 2020, ISBN 978-80-257-3215-1.
Ariane Chemin: A la recherche de Milan Kundera. Sous-sol, Paris 2021, ISBN 978-2-36468-484-3.
Literatur (Auswahl)
Doris Boden: Irritation als narratives Prinzip: Untersuchungen zur Rezeptionssteuerung in den Romanen Milan Kunderas. G. Olms, Hildesheim/Zürich/New York 2006 (Westostpassagen, Band 4; zugleich Dissertation Universität Leipzig 2005), ISBN 978-3-487-13026-2.
Kvetoslav Chvatik: Die Fallen der Welt. Der Romancier Milan Kundera. (Originaltitel: Svet romanu Milana Kundery. Atlantis, Brno 1994, ISBN 978-80-7108-297-2.) Übersetzt von Susanna Roth. Fischer-TB 12976, Frankfurt am Main, ISBN 3-596-12976-1 (Lizenz: Hanser, München/Wien 1994).
Martin Rizek: Comment devient-on Kundera? Editions L Harmattan, 2001, ISBN 978-2-296-25392-6.

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