Abschied gehört zum Leben

Die Beziehung zur verstorbenen Person zulassen

Pastorin Meike von Kajdacsy - Krankenhausseelsorgerin in der Ammerland-Klinik Westerstede

Ob der Tod plötzlich oder durch unheilbare Krankheit vorhersehbar kommt: Für die Angehörigen, die einen geliebten Menschen verlieren, bricht oft eine Welt zusammen. Von einer Sekunde auf die andere verändert sich alles. Gelebte Bindungen zu Eltern, Partnern, Kindern und engen Freunden brechen durch den Tod entzwei – Trauer macht sich breit – ein Familienmitglied oder eine liebgewonnene Person fehlt. Der Tod und das Abschiednehmen brauchen einen Platz im Leben der Angehörigen. „Der Umgang damit hilft, mit dem Tod zu leben“, betont Pastorin Meike von Kajdacsy, seit fünf Jahren Krankenhausseelsorgerin im Klinikzentrum Westerstede und auch zuständig für das stationäre Ammerland Hospiz und den ambulanten Hospizdienst Ammerland – beide Einrichtungen sind ebenfalls in Westerstede ansässig.

Im Interview berichtet die Pastorin, die sich seit dem Studium in den 1980er Jahren mit dem Thema Trauer beschäftigt, über ihre beruflichen und privaten Erfahrungen im Umgang mit der Trauer und mit den Hinterbliebenen.

 

Wie verläuft der Trauerprozess?

In den 1980er Jahren entstanden einige Entwürfe, die die Trauer in verschiedene Phasen einteilt: Schock, Kontrolle, Regression, Anpassung usw. Heute sagt man, dass im Trauerprozess bestimmte Aufgaben zu bewältigen seien. Ich finde, das klingt für Trauernde auch nicht schön. Trauer betrifft Seele und Körper. Gefühle wie Einsamkeit, Schwäche, Taubheit, Wut, Verzweiflung und andere kommen einfach. Es geht zunächst um das Weiterleben. Trauer braucht viel Zeit.

Meine Erfahrung als Seelsorgerin zeigt, dass Angehörige die Nähe und Beziehung zum Verstorbenen behalten möchten. Sie möchten nicht loslassen und sich nicht neu orientieren, sondern sich der Liebe und Verbundenheit mit dem geliebten Menschen vergewissern. Dabei tauchen Fragen auf: Wo ist mein geliebter Mensch und wie ist seine Zukunft? Gibt es eine Seele? Was ist die Basis unserer Beziehung – ist es Liebe? Hilft die Liebe mir jetzt weiter? Ist noch etwas offen und zu klären? Kann ich mich auch über die Grenze des Todes hinaus mit dem geliebten Menschen verbinden? Für die Hinterbliebenen ist diese Auseinandersetzung Trauerarbeit.

Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, sich damit zu beschäftigen: Ich glaube, das Wichtigste dabei ist, Subjekt zu bleiben, selbst zu entscheiden, welche Wege ich gehe, wie ich weiterlebe oder zunächst ohne den geliebten Menschen überlebe. Manche suchen in der Natur die Verbindung, andere in kreativem Tun wie Malen oder Musik. Mir selbst tun Rituale gut, wie sie im Gottesdienst vorkommen, die Gebete, die Musik, der Segen.

Ich finde es auch tröstlich, mit anderen gemeinsam Bilder vom Himmel, von der Ewigkeit, von der Gemeinschaft mit Gott zu erforschen und zu entwickeln. Das haben alle Kulturen und Religionen getan. Auch die Bibel bietet einen reichen Schatz solcher Bilder. All das, was wir tun, um in Beziehung zu bleiben, darf so sein. Der oder die Verstorbene darf in meinem Leben einen Platz haben – und diese Beziehung darf sich weiterentwickeln und verändern, so wie sie zu Lebzeiten ja auch lebendig und dynamisch war.

 

Welchen Rat geben Sie Angehörigen, mit der neuen Situation umzugehen?

Es ist wichtig, ehrlich zu sein, sowohl zu sich selbst als auch mit anderen. Ich war meinen Gefühlen noch nie so nahe wie in der Trauer - das hilft mir. Jede Trauer ist anders, so wie jede Beziehung anders ist. Das darf und muss gelebt werden und Formen finden.

Tröstlich finde ich es auch, da zu sein, wo man gemeinsam unterwegs war, mit Menschen zusammen zu sein, mit denen man auch vorher zusammen war und die Erinnerung zu teilen. Wir trauern unterschiedlich und dennoch sind wir nicht allein unterwegs. Orte der Gemeinschaft können Freundeskreise und Familie sein, aber auch Trauergruppen, Seelsorge und andere Angebote, wie sie heute durch die Hospizarbeit angeboten werden.

 

Wie können sich Freunde und Bekannte dem Trauernden wieder nähern ?

Viele scheuen sich, bei der Trauerfamilie anzuklopfen und nachzufragen, ob ein Besuch passt. Wenn jemand vor der Tür steht und man möchte gerade keine Unterhaltung oder hat einen Termin, dann kann man ehrlich sein, das äußern und vielleicht ein Treffen für einen anderen Tag vereinbaren. Meist aber ist es schön, wenn jemand kommt. Es ist wichtig, Trauernden nah zu bleiben, zuzuhören, zu teilen und Lebenswege gemeinsam weiter zu gehen.